Bürgermeister Emmanuel Kunz empfängt den Urenkel des früheren Zwangsarbeiters Walenty Fabijański im Rathaus und besucht mit ihm das Grab des 1945 in Kall verstorbenen Polen.
Kall, 19.06.2026
„Heute setzen wir gemeinsam ein Zeichen des Erinnerns und der Versöhnung.“ Mit diesen Worten begrüßte Bürgermeister Emmanuel Kunz den polnischen Gast Marcin Korneluk im Rathaus der Gemeinde Kall. Es waren Worte, die den Charakter eines Tages beschrieben, an dem Geschichte greifbar wurde und aus historischen Dokumenten, Briefen und Archivakten die Lebensgeschichte eines Menschen hervortrat: die Geschichte von Walenty Fabijański.
Rund 80 Jahre nach dessen Tod war sein Urenkel Marcin Korneluk gemeinsam mit seiner Partnerin Katarzyna Wojtczak nach Kall gekommen, um den Spuren seines Vorfahren zu folgen. Die Reise führte ihn an jene Orte, die mit dem Leben, der Arbeit und dem Tod seines Urgroßvaters verbunden sind – und schließlich zu dessen Grab auf der Kriegsgräberstätte Mariawald.
Den Auftakt bildete ein Empfang im Rathaus der Gemeinde Kall. Dort erinnerte Bürgermeister Emmanuel Kunz an das Schicksal des polnischen Zwangsarbeiters, der während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland in Kriegsgefangenschaft geriet, interniert und schließlich zur Zwangsarbeit „entlassen“ wurde. Ende 1944 wurde Walenty Fabijański bei einem Luftangriff auf Kall schwer verwundet und verstarb Anfang Januar 1945 an den Folgen. „Hinter diesen wenigen Daten steht das Leben eines Menschen – eines Sohnes, eines Familienmitglieds, eines Landsmannes“, betonte Kunz. Zu lange seien die Schicksale von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf nüchterne Aktenvermerke reduziert worden. Umso wichtiger sei es, dass heute nicht nur über Geschichte gesprochen werde, sondern die Menschen hinter den Dokumenten sichtbar würden.
Für Marcin Korneluk ist die Geschichte seines Urgroßvaters seit vielen Jahren Teil intensiver Recherchen. Der Journalist und Filmemacher hat zahlreiche Dokumente, Fotografien und Briefe zusammengetragen, die das Leben von Walenty Fabijański nachzeichnen. Gleichzeitig sei der Urgroßvater in der Familie immer präsent geblieben. Seine Großmutter, die zwölf Jahre alt war, als der Vater „in ein 14-tägiges Manöver“ zog und nie wiederkehrte, habe immer viel von ihm gesprochen. „Wir vergeben, aber wir vergessen nicht“, habe sie immer gesagt. Dieses Zitat schrieb Marcin Korneluk auch ins „Goldene Buch“ der Gemeinde Kall.
Zuvor übergab Marcin Korneluk der Gemeinde Kall Kopien dieser Unterlagen für das Gemeindearchiv. „Solche Zeugnisse helfen uns, Geschichte besser zu verstehen und für kommende Generationen zu bewahren“, sagte Bürgermeister Kunz. Die Dokumente gäben den Menschen hinter den historischen Ereignissen ihre Namen, ihre Stimmen und ihre Würde zurück.
Möglich geworden war die Rekonstruktion der Lebensgeschichte durch die Zusammenarbeit zahlreicher Beteiligter. Auf Basis der Recherchen des Kaller Lokalhistorikers Andreas Züll und des Buchautors Franz Albert Heinen sowie von Hinweisen der Archivarinnen Heike Pütz, Nicole Gutmann und Johanna May vom Kloster Steinfeld konnte Alice Gempfer von der gemeindlichen Pressestelle entscheidende Puzzlestücke zusammensetzen. Besonders wichtig und größtes Anliegen von Marcin Korneluk war dabei die Suche nach der letzten Ruhestätte von Walenty Fabijański: „Ich möchte dort Blumen ablegen und ihm die letzte Ehre erweisen.“ Auch war es sein großer Wunsch, einen Nachfahren der ehemaligen Kaller Firma Michael Schumacher kennenzulernen, in der Walenty Fabijański als Fahrer eingesetzt war. Mit Ralf Schumacher, der dem Gesamtbild weitere Puzzlesteine hinzufügen konnte, wurde auch das möglich.
Die Gedenkfahrt führte zunächst in die Trierer Straße – an jene Orte, die eng mit den letzten Lebensjahren von Walenty Fabijański verbunden sind. Dort befanden sich sowohl sein damaliges Wohnumfeld als auch die Arbeitsstätte der Familie Schumacher, beides konnte Ralf Schumacher vor Ort konkretisieren. Wenige Meter entfernt befindet sich mit dem früheren „Haus Hörnchen“ zudem der Ort, an dem er während eines Luftangriffs schwer verletzt wurde. Die Stationen machten deutlich, wie präsent im Ortsbild die historischen Ereignisse noch heute sind.
Für Andreas Züll, der sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte Kalls im Schatten der Weltkriege und der NS-Zeit beschäftigt, sind solche Orte von besonderer Bedeutung. Sie ermöglichen es, historische Schicksale aus der Anonymität herauszuholen und ihnen einen konkreten Platz in der Erinnerung zu geben. So erinnerte er auch an seinen eigenen Urgroßvater, der am Kaller Bahnhof direkt gegenüber der Trierer Straße gearbeitet hatte: „War er menschlich gewesen? Ich hoffe es. Sind die beiden sich begegnet?“ Mit Blick auf die deutsch-polnische Begegnung sagte er: „Wenn überhaupt lässt sich das alles nur gemeinsam überwinden. In der Begegnung, der Verständigung, im aufeinander Zugehen – im sich wieder und wieder die Hände reichen.“
Franz Albert Heinen ordnete die Geschichte historisch ein. Der Autor des Standardwerks über Zwangsarbeit im ehemaligen Kreis Schleiden erinnerte daran, dass das Schicksal von Walenty Fabijański stellvertretend für Millionen Menschen steht, die während der NS-Herrschaft verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden. Zugleich betonte Heinen, dass hinter jeder Zahl ein individuelles Leben stehe.
Die letzte Station des Tages führte schließlich zur Kriegsgräberstätte auf dem Soldatenfriedhof in Mariawald. Hier fand die Spurensuche ihren emotionalen Abschluss. Seit der Umbettung vom ehemaligen Kaller Friedhof an der heutigen Aachener Straße im Jahr 1960 befindet sich dort das Grab von Walenty Fabijański.
Gemeinsam legten Marcin Korneluk und Bürgermeister Emmanuel Kunz Blumen nieder und gedachten des Verstorbenen. Zwischen den Grabreihen wurde spürbar, dass Erinnerung weit mehr ist als die Bewahrung historischer Fakten.
„Die Ereignisse der Vergangenheit sind nicht abgeschlossen. Sie wirken über Generationen hinweg nach“, hatte Bürgermeister Kunz bereits zu Beginn des Tages betont. Die Geschichte von Walenty Fabijański zeigt dies in besonderer Weise. Was mit einem einzelnen Schicksal begann, wurde an diesem Tag zu einer Geschichte der Begegnung, der Verständigung und des gegenseitigen Respekts.
Der Besuch von Marcin Korneluk hat deutlich gemacht, dass Erinnerungsarbeit nicht allein in Archiven stattfindet. Sie lebt von Menschen, die Fragen stellen, nach Antworten suchen und bereit sind, Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu bauen. So entstand acht Jahrzehnte nach dem Tod von Walenty Fabijański eine neue Verbindung zwischen seiner Familie und der Gemeinde Kall – getragen von dem gemeinsamen Willen, die Erinnerung lebendig zu halten und Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen.
Und diese Verbindung soll von Bestand sein. Mit Zustimmung der Familie Korneluk wird die Gemeinde Kall die Verlegung eines Stolpersteins für Walenty Fabijański beantragen. Zur Verlegung in der Trierer Straße möchte Marcin Korneluk erneut nach Kall kommen. FA Heinen regte zudem an, an zentraler Stelle in Kall ein Mahnmal für alle Zwangsarbeiter zu errichten.
Eine wichtige Brücke zwischen den Gästen aus Polen und den Teilnehmenden aus Deutschland schlug während des gesamten Tages die Dolmetscherin Anja Joniec, die hauptberuflich einen der gemeindlichen Kindergärten leitet. Mit sprachlicher Professionalität und großer Empathie sorgte sie dafür, dass nicht nur die Worte, sondern auch die persönlichen Gefühle und Erinnerungen verständlich wurden, und trug so wesentlich zum Gelingen der Begegnung bei.
Pressemitteilung der Gemeinde Kall
Weitere Links:
Der Zwangsarbeiter Walenty Fabijanski 1941 an der Arbeitsstelle in Kall.
Foto: Privatbesitz Marcin Korneluk
Der Kaller Bürgermeister Emmanuel Kunz (links) mit Marcin Korneluk am Grab seines in Kall als Zwangsarbeiter umgekommenem Urgroßvaters.
Im Doppelgrab in Mariawald ruht neben Walenty Fabijanski auch sein Schicksalsgenosse Stanislaus (Stanislaw) Gozdek, der ebenfalls in Kall bei einem Luftangriff vermutlich am 23.12.1944 umkam.
Marcin Korneluk zeigte das Foto eines Grabs in Polen, das die Witwe von Walenty Fabijanski nach einem Besuch am Grab ihres Mannes auf dem Soldatenfriedhof Mariawald gestalten ließ.
Marcin Korneluk mit seiner Partnerin Katarzyna Wojtczak.
Die Sonderausstellung des Kreises Euskirchen „Butterbrot – ein Jahr Gefängnis…“, die zunächst im Foyer der Euskirchener Kreisverwaltung gezeigt wurde, ist seit der Eröffnung am Dienstag, 19. Mai 2026, im Sonderausstellungsraum in Vogelsang IP zu besichtigen. Die großformatigen Ausstellungstafeln thematisieren das Schicksal von Frauen aus der Region, die im Nationalsozialismus wegen freundlicher Gesten gegenüber polnischen Zwangsarbeitern in die Fänge der Gestapo gerieten und wegen „verbotener Kontakte“ ins Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen wurden.
Näheres dazu auf der Internet-Seite von Vogelsang IP:
Zwei Jahrzehnte alt wurde im Dezember 2025 das Dokumentations- und Begegnungshaus der Gedenkstätte SS-Sonderlager / KZ Hinzert rund 30 Kilometer östlich von Trier. Es handelt sich um das von der Nordeifel aus nächstgelegene ehemalige nationalsozialistische Konzentrationslager.
Die Eröffnung hatte am Internationalen Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember 2005, stattgefunden. Damals wurde das architektonisch einzigartige Dokumentations- und Begegnungshaus von den damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Luxemburg, Kurt Beck und Jean-Claude Juncker in Anwesenheit zahlreicher Überlebender des Lagers und deren Angehörigen eröffnet. Das Bauwerk, dessen Gestaltung bis heute als öffentliche Provokation in der Landschaft steht, hat seither viele Architekturpreise erhalten. Hunderttausende Besucherinnen und Besucher aus aller Welt besuchten die Anlage. Geführt wird sie unter der Regie der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB).
Kurt Beck nahm auch am Freitag, 12. Dezember 2025, an der 20-Jahr-Feier der Gedenkstätte teil. Bei der Veranstaltung blickten die Redner auf die Gründungsgeschichte der Gedenkstätte zurück. Bernhard Kukatzki, Direktor der LpB, wies daraufhin, dass die Landeszentrale schon 1992 in ihrer Gedenkstättenkonzeption den notwendigen Neubau des 2005 eröffneten Dokumentations- und Begegnungshauses und des Informationssystems der „Stätten der Unmenschlichkeit“ vorsah. Seitdem hat die LpB zahlreiche Dokumentationen publiziert, die Errichtung der Schutzhütten an den ehemaligen Massengräbern durchgeführt und mit internationalen Treffen ehemaliger Deportierter und mit zahlreichen Projekten im In- und Ausland die Gedenkstättenarbeit in Hinzert betrieben. Dabei kooperierte sie regelmäßig mit den Verbänden der ehemaligen Deportierten aus Luxemburg und Frankreich und dem Förderverein Gedenkstätte KZ Hinzert e.V.
In den vergangenen 30 Jahren hat Hinzert die Zusammenarbeit zwischen den Gedenkarbeitsgruppen in Europa, insbesondere aus Luxemburg und Frankreich, gestärkt und verzeichnet deutlich wachsende Besucherzahlen.
Katharina Heil, Ministerialdirektorin im Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit, betonte in ihrer Begrüßungsrede: „Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand das KZ Hinzert für Jahrzehnte nahezu vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Erst durch die Gründung des Fördervereins im Jahr 1989 und die Eröffnung des Dokumentations- und Begegnungshauses am 10. Dezember 2005 wurde der Grundstein für eine Gedenkstätte gelegt. Heute erinnert die Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert an die Opfer des Nationalsozialismus und macht deutlich, dass Erinnern auch politische Verantwortung bedeutet.“
Der Vorsitzende des Fördervereins Gedenkstätte KZ Hinzert e.V., Dieter Burgard, stellte heraus, dass „gerade hier jungen Menschen aufgezeigt wird, was es für Konsequenzen hat, wenn Demokratie zerstört wird und Unmenschlichkeit herrscht.“ An der abschließenden Gesprächsrunde nahmen auch der damalige Ministerpräsident Kurt Beck und Albert Hansen, Amicale des Anciens de Hinzert, Luxemburg, teil.
Die Leiterin der Gedenkstätte SS-Sonderlager / KZ Hinzert, Dr. Sabine Arend, stellte nach der Diskussionsrunde das neue Projekt vor, das sich den ehemaligen Außenlagern des KZ widmet und präsentierte exemplarisch drei Roll-Ups, in denen erste Außenlager vorgestellt wurden. Die Referatsleiterin für Gedenkarbeit in der Landeszentrale, Kathrin Künstler, richtete den Blick in die Zukunft der Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz.
Das SS-Sonderlager/KZ Hinzert bestand von 1939 bis 1945. Ursprünglich Polizeihaftlager und SS-Sonderlager für nicht konforme Westwall-Arbeiter, wurde es während des Zweiten Weltkriegs ein Konzentrationslager für Deportierte aus den besetzten Ländern. Das Lager bestand bis März 1945. Kurz vor der Ankunft amerikanischer Truppen wurde es teilweise geräumt. Die meisten Gefangenen wurden zu Fuß unter Bewachung auf einen Todesmarsch zum KZ Buchenwald geschickt. Gesichert sind mindestens 10.000 Häftlinge und 321 Todesfälle im KZ Hinzert. (fa, mit der Pressemitteilung des LzB RLP)
Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes brachte der Heimatverein Uedelhoven in Kooperation mit der Gemeinde Blankenheim, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie lokalen Initiativen vom 1. bis zum 14. September 2025 die interaktive Wanderausstellung „Erinnern und engagieren digital“ des Anne-Frank-Zentrums Berlin ins Eifelmuseum nach Blankenheim. Begleitet wurde die Ausstellung von einem vielseitigen Veranstaltungsprogramm, das zur Auseinandersetzung mit Geschichte und zur aktiven Mitgestaltung der Erinnerungskultur einladen soll.
Das ‚Haus Risa‘ am Ortsrand von Mechernich-Kalenberg war von 1941 bis 1943 das sogenannte ‚Judenlager‘ des Kreises Schleiden. Die letzten noch nicht deportierten Jüdinnen und Juden des Schleidener Landes mussten damals unter dem Zwang nationalsozialistischer Akteure ihre eigenen Häuser verlassen und im ‚Haus Risa‘ unter sehr schlechten Bedingungen auf den Transport in die Vernichtungslager im Osten warten. Ein besonders eindrückliches Zeugnis dieser Zeit ist der auffallend schöne Fliesenboden im Flur des Hauses, der Jahrzehnte vorher verlegt wurde, als das Haus der Bergbauverwaltung diente. 1941 bis 1943 gingen allerdings viele der im „Judenlager“ internierten Opfer über diesen Fußboden ihren letzten Weg in die Vernichtungslager.
Als im Herbst Pläne für den Abriss und Neubau des Gebäudes bekannt wurden, erinnerten regionale Akteure der Erinnerungspolitik an die Bedeutung dieses Ortes. In einer konzertierten Aktion wurde der Flur-Fußboden geborgen und im Arsenal des LVR-Museums Kommern eingelagert. Das Museum plant, diese authentische Holocaust-Spur aus der Region in einer zukünftigen Ausstellung zur Judenverfolgung im Nationalsozialismus zu präsentieren.
Am ‚Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen‘ eröffnete Landrat Markus Ramers im Foyer der Kreisverwaltung in Euskirchen eine von der Kreisarchivarin Heike Pütz erstellte bemerkenswerte Ausstellung. Sie präsentiert die Schicksale von 20 Frauen, die in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft in die Fänge von Gestapo und SS gerieten, weil sie sich menschlich und mit Zuneigung gegenüber männlichen ausländischen Zwangsarbeitern verhalten hatten. Dieses Kapitel nationalsozialistischer Regionalgeschichte ist bislang weithin unerforscht. Insofern erschließt die empfehlenswerte Ausstellung historisches Neuland.
erinnern.bedenken.handeln e. V.
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